Doch an dem flusse im schilfpalaste
Trieb uns der wollust erhabenster schwall:
In einem sange den keiner erfasste
Waren wir heischer und herrscher vom All.
Süss und befeuernd wie Attikas choros
Über die hügel und inseln klang:
Co besoso pasoje ptoros
Co es on hama pasoje boañ.
Fritz HöraufDer Schilfpalast (2022)

Stefan Georges Schilfpalast stand am Ufer der Nahe. Unser Schilfpalast wächst an den Ufern der Ferne.

Alle Wunder
geschehen an Ufern.
Hans Carossa

Der Dichter gehe rangbewusst und unbesorgt darum durch die Welt, ob er die Gunst der seltenen Stunde im Lebensablauf erkenne und nutze. Kunst und Künstler selbst bilden in Wahrheit jenen καιρός, auf den hin Himmel und Erde geschaffen sind.

Jahrtausendlang harrt berg und see und rain
Jahrhundertlang die stadt am uferhag
Bis sie aus unbeseeltem schlaf ein tag
Mit vollem strahl erweckt ins wahre sein.
Clotilde Schlayer

Unser Ziel ist nicht zu schauen, was ohnedem um uns ist, sondern zu schaffen, was ohne uns nicht wäre.

Was Cherubin erkennt, das mag mir nicht genuͤgen,
Jch wil noch uͤber Jhn, wo nichts erkandt wird, fliegen.
Angelus Silesius

Die Verjüngung der Welt ist überall dort vollbracht, wo Schöpfung geschieht.

Die ihr bestimmt den zeitenfluss
Zurückzudrehn zur ursprungs-flur …
Kurt Singer

Wer spät erst zur großen Suche stößt, der findet entweder keine Schätze mehr – oder aber die verborgensten.

Zu gab ich spärlich · stets verlockt zu rauben
Hab ich nur weniges der welt geschenkt
Doch was ich gab das ist wie dunkle trauben
Mit blut und licht und milch und schlaf getränkt.
Hans Brasch

Dem Schilfpalast sind Kunst und Dichtung keine Exequien einer sterbenden Welt, sondern Inaugurationen einer unsterblichen.

Und sieh die tage die wie wunden brannten
In unsrer vorgeschichte schwinden schnell
Doch alle dinge die wir blumen nannten
Versammeln sich am toten quell.
Stefan George

Dichterisch sprechen heißt schlüsselhaft antworten als Individuum auf den verschlüsselten Ruf des Universums.

Und wie das rätselhafte,
Das Rufen der atmenden Nacht …
Hugo von Hofmannsthal

Von Edelfrau zu Graleskelch und Sternensaal: Aller Minnesang ist liebendes Heischen nach einsamen Höhen, die sich qua ihrer kosmischen, mythischen oder moralischen Bewegungsgesetze nicht erreichen und nicht erweichen lassen dürfen. Wer erhört werden will, schreibt Prosa.

Des ſwer ich wol bi minem lib,
das ich vil ſung von ſternen ſchin …
Hugo von Montfort

Wo die Bewahrungsbemühungen des Menschen sich zusehends zersplittern in Denkmal-, Tier- oder Gletscherschutz, erweist sich die Kunst als einzige Instanz, die fähig ist zum Schutz des Weltganzen.

Was kümmern uns der Mond und was die Sterne,
uns, deren Stirnen dunkeln und erglühn!
Beim Untergang des schönsten aller Länder
sind wir’s, die es als Traum nach innen ziehn.
Ingeborg Bachmann

Tausend Gedichte mögen sich in dieser Sekunde ereignen, doch nur wenige wahrhafte werden in jedem Jahrhundert geschrieben. Wie in dauernder Trance gleitet das Gros der Menschheit durch die wallenden Fluten des gelebten Lebens, aus denen von Zeit zu Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit der Künstler so einsam wie triumphal emportaucht und mit seinem Werk – Monument fixierten und erhöhten Lebens – den Beweis in Händen hält, dass er eins und doppelt ist: dass ihm das Trancehafte des gelebten Lebens von innen geschah und er es zugleich von außen her zu bannen verstand. Doch was wir als Gedicht zu fassen und zu verewigen bekommen, bleibt notwendig Segment und Partikel aller tatsächlich stattgehabten Weltdichtung. Vom weiten Rest – jenem noch nicht erlösten oder nie zu überwältigenden – mag der gedankenvolle Lyriker an manchem Abend trauern oder träumen.

Jetzt formt aus den Nacken
Singender Fischer, die einziehn ihr Netz, der Mond irgendwo
Meiner Seele Gedicht in Bronze, am Indus vielleicht …
Max Kommerell

Viele Geschicke weben neben dem unseren. Das getriebene Ringen des Künstlers um sublimste Feinheiten, der Außenwelt durchaus zum Unverständnis, legt den Verdacht nahe, dass er die Zentralverstrickung all seines Tuns und Lassens in das große Welt- und Seelengewebe dunkel ahnt. Zerbricht dem Dichter das Gleichgewicht eines Verses, so mag ein Stern davon verglühen in ferner Galaxie. Setzt der Maler morgen einen einzigen Schatten mit Unbedacht, mögen Kriege sich daran entzünden in Jahrhunderten weit vor Christi Geburt. Der Sitz des Künstlers ist die innerste Mitte des Alls, der Zeit und des Schicksals.

Was morgen wird heut ist und was geschah
Rann eine perlschnur durch die hand mir dort.
Stefan Vallentin

Vor den Häschern der Endlichkeit gibt es kein Entfliehen als durch den Schlangenring des In-sich-Vollendeten.

Den Sonnenuhren raubte ich die Stunden.
Und nur den Blumen ließ ich ihre Zeit.
Paul Celan

Was aller Welt leicht zur Fessel oder zum Irrgarten wird, Gefühl und Gehalt, bleibt dem Künstler Wink und Wegeszier auf seiner Fahrt durch Form und Aberform.

Ich wußte, daß in dir dies alles bliebe –
mir war’s ein endendes, ein göttlich Lied.
Paulheinz Quack

Der reine Klang bildet den älteren, weiteren und ungleich mächtigeren Rückraum der Worte, in den hinein der Lyriker sie nach sanfter Beschwerung verjüngt entsenden sollte. Die Matrosen auf Baudelaires Schiffsdeck, den Flügelschlag der Albatrosse hindernd, mögen nicht allein auf die Gesellschaft im Umgang mit dem ihr nur scheinbar untergebenen Künstler, sondern ebensogut auf den Dichter verweisen im Umgang mit dem ihm nur scheinbar unterworfenen Wort. Das Leben der meisten Lyriker kennt die Wegscheide zwischen Aufrichtung und Abrichtung der Worte. Die Feindschaft des Dichters gegen Musikalität und Melodie ist die Feindschaft eines herrschsüchtigen Falkners gegen das Himmelszelt. Überwindet er sie, so vervielfacht sich augenblicks die Gewalt dessen, woran er schöpferischen Anteil behält.

Ewig unsterbliches lied der immer jungen liebe
Fliegt geheimnisvoll durch vermooster jahrhunderte wald
Auf der holdseligen schwermut melodischen flügeln.
Wacław Rolicz-Lieder

Wie der Gesang zugleich das Stammälteste und Blutjüngste unter der Sonne, so sei auch der Sänger und Dichter eine Kreuzung aus Gottvater und vergnügtem Säugling. Wer die Silben eines Verses nie mit selber Lust und Versunkenheit verschob wie das noch unerwachte Kind die farbigen Perlen am Abakus, der denkt und rechnet wohl, doch schafft und zaubert kaum.

Der meister ist ein kind
Das spielt mit baur und könig
Und trifft das rechte blind
Als wehe nur der wind.
Rudolf Pannwitz

Über ein Jahrhundert hinweg war der Schilfpalast eine wüste Chiffre, fruchtlose Erfüllungs-Gesuche sendend aus dem Äther des Amorphen. Seit 2021 nun wächst unter dem weiten Firmament des alten Kennworts ein lebenspendendes Sinnbild.

Die Seele, sie sucht den Sinn,
Der Geist will Bild gestellt:
Sind sie vermählt, du bist
Am Ziel und auch die Welt.
Ernst Bertram

In der geheimen Mitte eines jeden unserer Werke liegt – ob von seinem Schöpfer gewollt oder ungewollt – das unsichtbare Porträt jenes Antlitzes mitbeschlossen, ohne das wir den Mut nicht gefunden oder die Not nie gefühlt hätten zum werkförmigen Selbstbildnis, mit dem wir das tiefer zugrundeliegende Gesicht verhüllen oder umzieren. Aller Bau von Künstlerhand wird unmerklich zum Taj Mahal.

Nur ich bin dir verschworen. Nimm mich auf,
Denn du mußt ohne meinen Hauch vergehn,
Und ohne dich kann keine Welt bestehn.
Ich zwing durch dein Geheimnis ihren Lauf.
Wolf von Aichelburg

Stiege man hinein in ein Gemälde und folgte den perspektivischen Fluchtlinien bis hin zu ihrem Ursprung im Absoluten, so träfe man im Jenseits der Kunst und des Raumes zuletzt auf einen traurigen Zauberer von Oz. In der Welt ist der Mensch dem Menschen höchstens Mensch und meistens Wolf, nur in der Kunst wird der Mensch dem Menschen zum Wunder.

Sieh, ich bin nicht, aber wenn ich wäre,
wäre ich die Mitte im Gedicht;
das Genaue, dem das ungefähre
ungefühlte Leben widerspricht.
Rainer Maria Rilke

Der Künstler und der Tod sind die einzigen beiden Mächte, die das Urprinzip des Werdens nach Werk und Willen außer Kraft zu setzen imstande sind. Auch deshalb begegnen sie sich auf Augenhöhe.

Zu deines weiten reiches letztem strande
Lass mich hinab – kein schacht ist mir zu tief.
Wach war ich wie kein andrer dort im lande
So darf ich schlafen fest wie keiner schlief.
Karl Wolfskehl

Die Trias unserer Gründungstüren setzt sich zusammen aus Nacht, also Schwärze, Morgen, also Licht, und Lüge, also Blendung. Jedes Initiations- und Überwältigungs-Erlebnis, durch das wir Zugang erlangen ins Reich der Kunst, alles Hohe und Sondere, das als Goldstreif in den Dämmer eines noch poesiefernen Lebens bricht, birgt drei Bedrohungen, die uns den Eintritt vergällen oder verwehren können: Erstens, das Blendende als bloßen Schein und Täuschung abzutun und nicht glauben zu wollen an die Sphäre, aus der es auf uns niederfährt. Zweitens, genügend lang im Licht des Erweckungsstrahls zu verharren, dass sich unsere Augen seiner Grelle akkomodieren und das Ungeheure, von dem er zeugt, zuletzt als Gewöhnliches auffassen. Und drittens, durch den Initiationsblitz zu erblinden. Meistern wir all diese Schwellengefahren, so stoßen wir vor in fremdes Geländ.

Ufer der Vollendung,
Stille im Taifun:
Schwärze, Licht und Blendung
Öffnen Avalun.
Jonas Friedrich

Die Tore des Schilfpalasts entriegeln sich einzig dem Zauberspruch in gebundener Rede. Wer sich diesem Eintritts-Erfordernis zur Stunde ungewachsen fühlt, der mag zunächst weiter durch die Vorgärten streifen und sich dort dem Palastverhör stellen. Wer aber bereit ist, der spreche sein Sesamwort.

Nun wähle. Löse dich in furcht und hoffen
ganz auf. Tritt ein. Die türen stehen offen.
Kierán Meinhardt
Fritz HöraufDer Schilfpalast (2021)
Hör was ich ausgesonnen in der finsternis:
Ein lied in schläfriger barke vom süssen schilf
Mir zugeraunt noch eh die nächtigen vögel wachten.
Nicht weit wo dieses lustgestads gepflegte pracht
Verworren wird durch schlammigen ufers überwuchs ·
Mir köstlich durch geheimnisse noch nicht zerspellt
Vom frechen tritt der nutzenden · die wege enden
Im übergrünten tümpel · nur die schmale planke
Das boot dringt wie halbtrunkene sicher doch durchs rohr
Das knirschend schwankt und über meinem haupte hoch
Des rudernden zusammenschlägt ein duftgewölb.
Friedrich Gundolf

Kleine tage wollen wieder
Zeigen wie wir leben sollen
Strenges eifern schlimmes grollen
Stirbt im abklang leichter lieder.

Hinter fest verschlossnen läden
Bei der lichter keinem schein
Spinnen klänge ihre fäden
Hüllen tief uns ein.

In der wärme in der enge
Fühlen leiber was sie sind:
Der ein bruder der ein kind
Jeder jedem dems gelänge.

So in sachtem mit und neben
Stumme stunden lang
Lösen wir den alten zwang
Haben wir das neue leben.

Berthold Vallentin